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AG Bergen-Belsen

Bericht über die Studienfahrt nach Erfurt – 23.-25. August 2013

Von Elke von Meding, August 2011

20 Teilnehmer nahmen an der Studienfahrt vom 23. bis 25. August nach Erfurt teil. Von Hannover ging es zügig mit dem Metronom nach Göttingen, dort Umsteigen und dann: »Der Zug fährt nicht weiter. Bitte alle aussteigen.« Kein weiterer Kommentar. Schließlich kamen wir mit zweistündiger Verspätung in Erfurt an.

Krämerbrücke

Unser Hotel lag mitten in der wunderschönen Altstadt direkt an der Krämerbrücke, die an die lange Tradition der Stadt als Handelsplatz an der »via regia« erinnert, einer wichtigen Handelsstraße, die seit dem Mittelalter Ost und West miteinander verband. Beim verspäteten Abendessen im Café Nüsslein direkt an der Krämerbrücke erholten wir uns vom Frust über die DB und stimmten uns mit einer ersten Vorstellungsrunde auf das Thema der Studienfahrt ein.

Am nächsten Morgen trafen wir uns zu einer Führung mit Rüdiger Bender am »Erinnerungsort Topf & Söhne« im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma, die die Verbrennungsöfen für Auschwitz und andere Vernichtungslager konstruierte und baute.

Gebäude

Außen am Gebäude steht mit großen Buchstaben: »Stets gern für Sie beschäftigt,...« Mit diesen Worten hat die Firmenleitung ihre Dienste der SS angeboten.

Zeichenpult

Von seinem Zeichenpult im obersten Stock hatte Kurt Prüfer, einer der leitenden Ingenieure, den direkten Blick zum Ettersberg bei Weimar, wo sich seit 1937 das Konzentrationslager Buchenwald befand. Anhand der Dokumente wurde deutlich, dass die Ingenieure sich gegenseitig darin überboten haben, der SS Vorschläge zur effektiveren Verbrennung der Leichen zu machen! Sie wetteiferten untereinander um Vorschläge für eine bessere Entlüftungsanlage der Gaskammern, damit diese schneller wieder mit Menschen gefüllt werden konnten. Dadurch konnten im Sommer 1944, als die Massendeportationen aus Ungarn begannen, statt 4000 Menschen bis zu 9000 am Tag getötet werden. Später werden sie sagen: »Wir konnten ja nicht anders.« Aber die heute wieder verfügbaren Dokumente sprechen eine andere Sprache. In keinem Dokument wird der Grund der Verbrennungen genannt. Der Eindruck einer »wertfreien Technik« wird vermittelt. Wir wurden an Peenemünde und die Entwicklung der Raketen durch Wernher von Braun erinnert.

»...wenn man die Menschlichkeit einmal verliert, kann man sie lange nicht mehr zurückgewinnen.« Stéphane Hessel. Überlebender des KZ Buchenwald bei der Eröffnung

Am Nachmittag führte uns Julia Roos durch die Ausstellungen in der alten und erst vor einigen Jahren wiederentdeckten Synagoge. Im Erdgeschoss zeigte sie uns die Spuren der ehemaligen Synagoge aus dem Mittelalter. Im Kellergewölbe wird der »Erfurter Schatz« ausgestellt, bestehend aus vielen Silbermünzen und Schmuckstücken aus Gold, darunter ein wunderschön gearbeiteter Hochzeitsring. Diesen Schatz hatte man durch Zufall 1998 bei Bauarbeiten gefunden. Man nimmt an, dass er angesichts der Judenpogrome 1349 versteckt wurde. Im Obergeschoss wurde später ein Tanzsaal eingebaut, in dem heute die »Erfurter Bibel« ausgestellt wird, die nach dem Pogrom in den Besitz des Stadtrates geriet und in der Staatsbibliothek in Berlin wiedergefunden wurde.

Danach konnte jeder nach Lust und Laune durch die Stadt bummeln. Ich ließ ich es mir im Café der Chocolatérie Goldhelm gut gehen. Die Stadt war voll mit jungen Menschen. Erfurt hat die älteste Universität Deutschlands: 1389 gegründet, 1816 geschlossen und nach der Wiedervereinigung 1994 neu gegründet. Abends saßen wir in einem der vielen Restaurants mit Biergarten in den malerischen Hinterhöfen.

Am nächsten Morgen führte uns Eike Köstner von StattReisen e. V. zu Orten des Judentum des 19. Jahrhunderts. Sie zeigte uns eine Mikwe – das rituelle Bad – am Ufer der Gera: Sieben Stufen führen hinunter zu einem Bassin, das sich mit dem Uferfiltrat aus der Gera füllte. Eine Mikwe sollte immer Verbindung zu »lebendigem Wasser«, also fließendem Wasser, haben.

Nach einer Mittagspause traten wir die Rückreise an, die schon nach kurzer Fahrt mit dem labidaren Satz aus dem Lautsprecher: »Der Zug fährt nicht weiter. Bitte alle aussteigen« in Mühlhausen endete Dann zwei Stunden Warten in völliger Ungewissheit, wie es weitergehen sollte...schließlich nahmen wir unser Schicksal selbst in die Hand und versuchten per Taxi weiterzukommen. Zum Glück kamen alle – wenn auch spät in der Nacht – wieder zu Hause an.