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AG Bergen-Belsen

MIT DER AG BERGEN-BELSEN NACH NORDHAUSEN
KONZENTRATIONSLAGER DORA–MITTELBAU

Von Hans-Joachim Wolter

Vom Freitag, 24. bis Sonntag, 26. September 2010 war ich mit der AG Bergen-Belsen in Nordhausen. Abfahrt war um 15.10 vom ZOB in Celle. Auf der B 3, A 37 und A 7 fuhren wir bis Seesen und dann über Osterode und Herzberg nach Nordhausen. Ankunft war um 17.45 Uhr in der »Goldenen Aue« in einem kleinen Dörfchen bei Nordhausen.

Gemeinsames Abendessen, Vorstellungsrunde, die recht lange dauerte, weil einige schon Kurzvorträge hielten. Dabei kamen viele interessante Bemerkungen und Statements zusammen, viel Persönliches. (Niemand schien aus Langeweile mitgefahren zu sein.)

Im Rahmen dieser Runde fiel sehr oft der Name Dagmar Lieblová und Theresienstadt, denn einige der Teilnehmer waren dort im letzten Jahr gewesen. Terezín und die Begegnung mit Dagmar müssen sehr beeindruckend gewesen sein. Auch Lidice hat bei denen, die mit der AG dort gewesen waren, großen Eindruck hinterlassen; hier war es die Skulptur mit den Kindern.

Am Samstag fuhren wir dann zur Gedenkstätte, wo wir von 10.30 Uhr bis 15.15 Uhr blieben: kurze Einführung, Gang durch die ersten beiden Querstollen, Dauer 1 ½ Stunden. Vor dem Stolleneingang überfiel mich ein eigenartiges Gefühl – Bedrücktheit? Mitgefühl? Scham? – , ich kann es nicht beschreiben. Anderen erging es ähnlich.

Gips, Anhydrit, Alabaster und Marienglas

Einige Parallelen zur Grube Richard in Leitmeritz / Litoměřice fielen mir auf: Fahrstollen – hier war der Stollen A, Einfahrt, zumindest im begehbaren Teil zweigleisig und nur in gefährdeten Teilen ausbetoniert. Hier im Kohnstein bildete wasserundurchlässiges Anhydrit das Deckgestein; darüber sind die Schichten: Gips, Dolomit, Lehm, Humus, Baumbestand. In Leitmeritz ist die Grube Richard im Kalkstein.

Durch diesen Stollen fuhren die Züge ein und luden an den entsprechenden Arbeitshallen die Einzelteile für die Raketenproduktion aus. Einzelteile kamen mit der Bahn aus anderen Betrieben. Deshalb gehörte auch ein größerer Verladebahnhof zu diesem Konzentrationslager. Durch den Fahrstollen B verließen die Züge die unterirdische Fabrik.

Fertigungshallen waren in den Gängen, die die beiden Fahrstollen miteinander verbanden. Für weitere Produktionshallen wurden an die beiden Fahrstollen wie auch in Richard mit Erweiterungssprengungen und Stollenvortrieb begonnen, Arbeiten, die aber nicht mehr vollendet wurden.

Die Fertigungshallen, die Querstollen wurden nach etwa 80 Metern durch den Mittelgang geteilt. In diesem Gang transportierte z. B. eine Laufkatze die Raketenteile zur nächsten Station. In diesem Gang und auch in den Fertigungshallen ist der Boden mit Grundwasser geflutet, das entsprechend der Regenmenge und Schneeschmelze steigt und fällt. Wegen der Statik wird es nicht abgepumpt. Eingezogene Betondecken ermöglichten erst den Einbau der modernen Maschinen.

Im südlichen Teil mussten Zivilangestellte und zivile Facharbeiter mit Konzentrationslagergefangenen V-2-Raketen und später auch die V-1 bauen, während im Nordteil Zwangsarbeiter und zivile Fachkräfte die Strahltriebwerke für die Me 262 endfertigten.

Dass die Häftlinge anfangs in diesen unterirdischen Stollen arbeiten, schlafen, essen und ihre Notdurft verrichten mussten, dass ihnen weder Trink- noch Waschwasser zur Verfügung standen, dass sie nach mehreren Tagen unter Tage nur wenige Stunden während des Zählappells draußen sein durften, dass sie im 12-Stunden-Schichtbetrieb arbeiten mussten, dass sie ständig dem Bohr- und Sprenglärm sowie dem Staub ohne Frischluftzufuhr ausgesetzt waren, ist unvorstellbar. Was mag in denen vorgegangen sein, die sich solch menschenverachtende Maßnahmen ausgedacht haben?

In der Grube Richard brauchten die Gefangenen »nur« 12 Stunden zu arbeiten und mussten dann einen sieben Kilometer langen Weg von Theresienstadt (damals im Protektorat Böhmen und Mähren - heute: Terezín /Tschechien) zu ihren Schlafplätzen in der Kleinen Festung zurückgehen; dieselbe Strecke waren sie vor ihrer Arbeit schon einmal gegangen. – War das besser? –

Nach einer kurzen Mittagpause mit einem kleinen Imbiss erkundeten wir das ehemalige Häftlingslager, waren in der aus zwei Originalbaracken errichteten Ausstellungs- und Arbeitshalle, wo Jugendliche eingewiesen werden und in Gruppen arbeiten können, wenn sie ein Projekt in der Gedenkstätte bearbeiten wollen. Die Sonderausstellung »Zwangsarbeit« des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds war gerade hier, sehr interessant, empfehlenswert!

Im Krematorium war unser gemeinsamer Gang beendet. Ich nutzte die Zeit noch zu einem kleinen Rundgang durch das eigentliche Häftlingslager, das nicht aus Menschenfreundlichkeit gebaut worden war, sondern weil die »Schlafstollen« für die Endmontage der V-1 gebraucht wurden. Deswegen war in einige Fertigungsstollen ein zusätzlicher Boden eingezogen worden.

Der Abschluss des Nachmittags war der Besuch auf dem Ehrenfriedhof neben dem Nordhausener Zentralfriedhof. Hier sind die Toten aus dem »Verrecklager« Boelcke-Kaserne in Massengräbern begraben. In der Boelckekaserne, ein Außenlager von Dora-Mittelbau, wurden die Gefangenen gesammelt, die zur Arbeit nicht mehr ausgenutzt werden konnten, die nur noch sterben konnten.

Auf diesen Friedhof kamen auch die Toten, die nach der Befreiung gestorben waren. - Ein Häftling, der Dora-Mittelbau überlebt hatte, ließ später seine Urne auf diesem Friedhof beisetzen. –

Das Häftlingslager wurde nach der Befreiung zunächst Krankenhaus, dann wurden dort die Ausgebombten der Stadt Nordhausen und Flüchtlinge einquartiert. 1946 / 1947 wurden die Baracken verkauft oder zu Brennholz verarbeitet.

Die beiden wieder aufgebauten Baracken standen bis 1995 auf dem Gelände einer Tabakfabrik und wurden als Betriebskindergarten und Kegelbahn genutzt. Reemtsma übernahm die Fabrik und stellte die beiden Baracken der Gedenkstätte kostenlos zur Verfügung.

Den Abend verbrachten wir in kleineren Gruppen im Restaurant »Zur Socke« in Nordhausen bei gutem thüringischen Essen. Den ganzen Tag lang regnete es, passend zum Anlass, was mich wiederum an unsere erste Theresienstadtfahrt 1996 erinnerte, die auch nicht oft sonnig war.

Der Sonntag begann mit Regen, der auch erst aufhörte, als ich schon wieder zu Hause war. Vom Harz sahen wir nicht allzu viel, einmal für kurze Zeit den Brocken, aber nicht in Torfhaus, sondern vorher.

Am Vormittag waren wir noch in der Heimkehle, in einer Karst-Gips-Höhle mit großen, hohen Hallen, in denen hochempfindliche Maschinen für die Produktion der JU-88-Fahrgestelle standen. Und das bei 100 % Luftfeuchtigkeit und 8 ° C! Welche Qual für die Gefangenen! Daran änderte auch die warme Luft nicht, die in die natürlichen Höhlenhallen geleitet wurde. Ein draußen stehendes Heizwerk – das gab es in Dora-Mittelbau auch aber nicht zum Heizen der Hallen – lieferte die Wärme und Lüftungsschächte verteilten sie in der Höhle. Sie blieb in den Verschlägen, die um die Maschinen gebaut worden waren.

In dieser Höhle mussten Häftlinge unter Anleitung und Kontrolle ziviler Fachleute die kompletten Fahrwerke herstellen.

Sie mussten morgens und abends einige Kilometer zu Fuß gehen, weil sie ihr Quartier im Außenlager Rottleberode hatten.

1.550 Häftlinge wurden in dem halben Jahr in der Heimkehle eingesetzt. Die Überlebenden wurden wenige Wochen vor Kriegsende auf Evakuierungsmärsche geschickt. Einer diese Todesmärsche endete in der Isenschnibber Feldscheune bei Gardelegen, wo die Wachmannschaften diese Unglücklichen bei lebendigem Leib verbrannten.

Fledermäuse sahen wir nicht, die sollen in der Heimkehle aber leben und überwintern.