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AG Bergen-Belsen

Bericht über die Studienfahrt nach Riga (Lettland) – 8.-14. August 2011

Von Elke von Meding, August 2011


Ansicht von Riga

Kaum jemand weiß, dass Riga nicht nur eine touristisch interessante Stadt ist, sondern während der NS-Zeit Endstation vieler Transporte von Juden aus dem ganzen Deutschen Reich war. 29 Teilnehmer der Studienfahrt machten sich auf den Weg, um diese Spuren zu finden und der Menschen zu gedenken.

Auf vielen Stolpersteinen, die inzwischen in fast jeder deutschen Stadt verlegt worden sind, wird Riga als Ziel der Deportation genannt. In Riga verliert sich die Spur dieser Menschen. Vom November 1941 bis zum Winter 1942 wurden aus dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches in ca. 28 Transporten mehr als 25.000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, im Verlauf der nationalsozialistischen »Endlösung der Judenfrage« – dem Tarnbegiff für den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas – in den baltischen Raum, in erster Linie nach Riga, deportiert. Nur drei bis vier Prozent sollten dieses Inferno überleben.


Im Wald von Bikernieki

Vor 70 Jahren, am 15. Dezember 1941, ging der erste Transport mit 1001 Juden aus Hannover nach Riga.

Auch jüdische Menschen aus kleineren Orten waren darunter, die man vorher schon in den Städten in sogenannten »Judenhäusern« zusammengeholt hatte. In Hannover wurden die Juden u.a. in der israelischen Gartenbauschule Ahlem gesammelt, bevor sie vom Bahnhof Fischerhof (Linden) in Güterzügen »nach dem Osten« geschickt wurden.


Waggon zur Erinnerung an die Deportationen 1941 in die sibirischen Lager

Die Suche nach den Spuren jüdischer Menschen gestaltete sich schwieriger als wir dachten. Im Gedächtnis des lettischen Volkes nehmen die Deportationen während der ersten Okkupation durch die Sowjetunion (1940-1941) in die schrecklichen sibirischen Lager den Hauptplatz ein, da es sich um eine Erinnerung des gesamten Volkes handelt. Unter ihnen gab es auch eine große Zahl von Juden.

Die zweite Okkupation durch Deutschland (1941-1944/45) wurde eher als Befreiung von der Sowjetmacht gesehen. Wohl auch deshalb scheint das Gedenken an die vielen Soldaten der Roten Armee, die im Krieg gegen die Wehrmacht in Lettland fielen, in der lettischen Geschichtsschreibung keinen Platz zu haben.

Das sowjetische System setzte sich nach 1945 in der von den Letten so genannten dritten Okkupation fort.

1991 konnte Lettland seine Unabhängigkeit erringen und ist heute Mitglied in der Europäischen Union. Das Freiheitsdenkmal, das schon aus der Zeit der ersten Unabhängigkeit (1919 – 1940) stammt, ist ein wunderschönes stolzes Zeichen dafür!

Mit Hilfe unseres sehr kompetenten Reiseführers Maik Habermann (www.riga-tour.de) haben wir schließlich die Orte, an denen an die ermordeten Juden von Deutschland gedacht wird, gefunden


Eingang des jüdischen Museums

Unser Weg in die Vergangenheit begann mit einem Besuch im Jüdischen Museum, wo wir Herrn Margers Vestermanis (Jg. 1925) treffen konnten, selbst Überlebender des Holocaust und Gründer des Museums. Er führte uns in den großen Theatersaal und erzählte uns dort, drei Stunden nur auf seinen Stock gestützt, von der traurigen Geschichte der lettischen Juden und seiner eigenen.

Literaturempfehlung: Margers Vestermanis, Juden in Riga. Ein Wegweiser zu den Spuren einer ermordeten Minderheit, Edition Temmen 1995.

Eine andere Gruppe besuchte Herrn Alexander Bergmann (Jg. 1925), der ebenfalls einer der wenigen Überlebenden des Rigaer Ghettos ist. Sein Buch »Aufzeichnungen eines Untermenschen« gibt einen erschreckend detaillierten Einblick in die Geschichte der Verfolgung der lettischen Juden während der deutschen Besatzung.

Das Ghetto in Riga in der Moskauer Vorstadt

Plan des Ghettos

Unser Weg führte uns zuerst in die Moskauer Vorstadt.

Hier wurde am 23. August 1941 das große Ghetto (hellgrau) für die lettischen Juden eingerichtet. Am 25. Oktober wurden seine Tore geschlossen. Der alte jüdische Friedhof lag innerhalb des Ghettos. Die Gräber wurden eingeebnet und die Grabsteine als Straßenpflaster entweiht.

Aber schon Ende November musste das große Ghetto geräumt werden, weil die Transporte mit Juden aus dem Deutschen Reich schon nach Riga unterwegs waren. Am 30. November kam in den Morgenstunden ein Zug mit 942 Menschen aus Berlin an. Er wurde direkt nach Rumbula geleitet, weil das Ghetto noch nicht geräumt war. Dort wurden die Insassen noch vor der Ankunft der Rigaer Juden erschossen.

Am 30. November und 8. Dezember 1941 wurden die Rigaer Juden aus dem großen Ghetto in einem Wald außerhalb von Riga bei Rumbula ermordet. Man nennt es das lettische Babij-Jar (ca. 29.000). Kurz vor der Aktion wurden 4500 jüdische Männer in einem geschlossenen Arbeitslager, dem »Kleinen Ghetto« (dunkelgrau) untergebracht.

Am 15. Dezember 1941 wurde ein Transport mit 1001 Juden aus Hannover nach Riga geschickt.

Das Ghetto wurde verkleinert. Im Ghetto für die Reichsdeutschen Juden (mittelgrau) waren die Straßen nach Deutschen Städten benannt. Die Leipziger Straße trennte das Ghetto für die Reichsdeutschen Juden von dem kleinen Ghetto (dunkelgrau) für die lettischen Juden. Beide Ghettos wurden auf Befehl des Reichsführers Himmler am 2. November 1943 liquidiert, nur wenige Menschen, die noch als arbeitsfähig galten, kamen in das 1943 errichtete KZ Kaiserwald.

Die große Choralsynagoge


Gedenkstätte in der Großen Choralsynagoge

Die große Choralsynagoge wurde 1871 am Eingang zur Moskauer Vorstadt erbaut, sie war eines der bekanntesten Kultusgebäude in Riga. Heute erinnern nur noch wenige Mauerreste an dieses einst so prächtige Gebäude. In den ehemaligen Kellerräumen der Synagoge erinnert eine »Klagemauer« mit Menora und Davidstern an alle Juden, die auf lettischem Boden ermordet wurden.

In den Kellerräumen der Synagoge hatten etwa 300 Juden, die aus Litauen vor den Nazis geflüchtet waren, Schutz gesucht. Als die Deutschen auch Lettland besetzt hatten, trieben sie am 4. Juli wahllos noch mehr Juden aus der Umgebung hinein, vernagelten die Fenster und Türen und steckten die Synagoge in Brand.

Heute ist in den wieder freigelegten Kellerräumen eine Gedenkstätte eingerichtet. Eine Nische in der Kellerwand dient als Klagemauer, wo wir unsere Blumen im Regen ablegen. Daneben eine blaue Menora mit Davidstern.

Neben dieser Gedenkstätte erinnert ein Denkmal an die Menschen, die Juden gerettet haben.


Gedenkwand für Juden-Retter

Die Moskauer Vorstadt besteht auch heute noch aus einer Mischung von alten kleinen Holzhäusern und einigen höheren Steinhäusern.

Am Ende finden wir den alten jüdischen Friedhof. Er wurde in das Ghetto mit einbezogen, die Gräber zerstört und eingeebnet und die alten jüdischen Grabsteine als Straßenpflaster benutzt.

Heute sieht man einen hügeligen Park, nur ein Davidstern und eine Gedenktafel in Form einer Thorarolle aus Stein erinnern an den früheren jüdischen Friedhof und das Ghetto.


Auf dem alten Jüdischen Friedhof

Wir fahren in östlicher Richtung aus der Stadt auf der Chaussee Riga-Daugavpils aus der Stadt – parallel zu einer Bahnlinie – und kommen zur Bahnstation Skirotava. Dieser Rangierbahnhof war der tragische Endpunkt einer qualvollen Reise. Aus deutschen Dokumenten geht hervor, dass bis zum Sommer 1942 19.000 Juden nach Lettland gebracht wurden. Die Güterzüge, die in Skirotava ankamen, waren »Todeszüge«. Die Menschen erfroren im Winter vor Kälte schon in den Waggons und im Sommer vor Durst oder sie kamen direkt in die Massengräber. Die meisten wurden im Wald von Bikernieki erschossen.

Die Gedenkstätte im Wald von Rumbula

Der Wald von Rumbula

Der nächste Halt ist Rumbula. Ein Baum aus rausgerissenen Zweigen beugt sich über den Eingang zu der Gedenkstätte im Wald. Hier wurden am 30. November und 8. Dezember 1941 die Rigaer Juden aus dem großen Ghetto ermordet, um Platz zu machen für die Reichsdeutschen Juden. Rumbula ist das Babij Jar von Riga, das schreckliche Massengrab für zehntausende Rigaer Juden (an anderer Stelle wird die Zahl 27.880 genannt). Aus spitz aufragenden Natursteinen von ganz verschiedener Form und Farbe, die den Grundriss des Ghettos abbilden, ragt eine große Menora (siebenarmiger Leuchter) hervor. Sie wurzelt in den Steinen und ihr Stamm ist wieder aus lauter ausgerissenen Zweigen gebildet, gleich entwurzelten, rausgerissenen Menschenleben. Im Wald verstreut die Massengräber. Herr Vestermanis, der uns im Jüdischen Museum von seiner Lebensgeschichte erzählt hatte, sagte: »Meine ganze Familie liegt in Rumbula«. Auch das Ehepaar Schack, das Alexander Bergmann besucht hatte, berichtete das Gleiche. Wir fanden beide Steine mit den Namen der Familien und legten Blumen nieder.

Es regnet ununterbrochen seit dem Morgen – der Himmel weint mit uns.


Gedenkstätte Salaspils

In der Nähe lag auch das KZ Salaspils, nach dem Ort Salaspils benannt. Während der sowjetischen Besatzung wurde Salaspils zu einer nationalen Gedenkstätte ausgebaut. Der Zugang zum Gelände führt unter einer riesigen wuchtigen Betonwand hindurch. Auf einem der vielen Massengräber liegen Stofftiere, Puppen, Spielzeug, … Hier sind Kinder begraben, die als Blutkonserven für verwundete deutsche Soldaten benutzt wurden! Aus einem großen Block aus schwarzem Marmor sollen eigentlich die gleichmäßigen Schläge eines Metronoms zu hören sein … aber er schlägt nicht … dafür legen wir unsere Blumen nieder.

Völlig durchnässt fahren wir zurück nach Riga.

Am 21. Juni 1943 erließ der Reichsführer der SS Himmler den Befehl, alle Ghettos im Osten zu liquidieren und alle arbeitsfähigen Juden in Konzentrationslager zu überführen. Daraufhin wurde am Rande von Riga, wo sich heute das Villenviertel Mezaparks befindet, mit dem Bau eines KZs, das den irreführenden Namen »KZ Kaiserwald« bekam, begonnen.

Am 2. November 1943 wurde das »Reichsjudenghetto« liquidiert, d.h. nach der Selektion der »Untauglichen«, das waren hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Menschen, brachte man die noch Arbeitsfähigen in das KZ Kaiserwald. Auch viele Juden aus Hannover waren hier. Heute erinnert nur eine kleine Gedenktafel an die Verbrechen während der deutschen Besatzung. Zum KZ Kaiserwald gehörten mehr als zehn Außenlager.

Im Sommer 1944, als die Rote Armee schon in Lettland stand, wurden die Kaiserwald-Häftlinge übers Meer ins KZ Stutthof bei Danzig gebracht und von dort Anfang 1945 auf »Todesmärsche« nach Westen geschickt.

Die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki

Gedenkstätte im Wald von Bikernieki

Unser nächster Halt ist die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki. Hier wurden die meisten »Reichsdeutschen Juden« ermordet. Eine große Fläche ist mit den gleichen spitzen Natursteinen wie in Rumbula gestaltet: dicht an dicht ragen die Spitzen der unregelmäßigen Steine nach oben - wie um Hilfe flehende hochgereckte Hände, dazwischen sind schwarze Marmortafeln mit den Namen vieler deutscher Städte eingelassen.

Wir gehen schweigend und legen unsere Blumen bei Hannover und Hamburg und Düsseldorf und … und … und … ab.

Wir gehen zu den Massengräbern im Wald, da fährt ganz nah ein langer Güterzug vorbei. Das Geräusch des ratternden Zuges weckt schreckliche Assoziationen in mir an ein menschenverachtendes Regime in Deutschland, das soviel Leid über ganz Europa gebracht hat.


Hermann Bünz, Friedrich Ebert Stiftung

Mit unserer Reise in die Vergangenheit haben wir uns dieser Vergangenheit bewusst gestellt, um zu gedenken, aber auch daran zu erinnern, dass ein freiheitliches demokratisches System ein kostbares Gut ist. Wir wollen mit unserer Gedenkreise auch zu einem demokratischen friedlichen Miteinander in Europa beitragen, daher waren uns die umfassenden Informationen zur aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Situation in Lettland, die wir von Hermann Bünz (Friedrich-Ebert-Stiftung) und Philip Plischke (Sozialreferent der Deutschen Botschaft) bekamen, ebenso wichtig.

Fotografien: Dirk Addicks, Astrid und Reinhard Bekrater-Bodmann, Elke von Meding
Lageplan vom Ghetto: M. Vestermanis